06 August 2008

In der Heimsauna

Einmal - es muss in den frühen 60ern gewesen sein - ging ich meinen Studien in Frankfurt am Main nach; ich lebte in jenem Sommer - der heiß war und brütend - in der Nähe des Zoogesellschaftshauses im plüschernen Wohnzimmer einer Witwe namens P.; ihr fünfzehnjähriges Töchterchen Claudia - alle Töchterchen hießen, wenn nicht Tanja, dann Claudia in jenen Jahren - ihr Töchterchen Claudia - eine Stadtmeisterin im 50-Meter-Rücken-schwimmen war mir - im Zusammenhang mit der Wohnzimmerübernahme - zu behelligen streng untersagt.
Die propere Witwe - sanftmütig und Arzthelferin zugleich -allerdings adoptierte mich alsbald als Vater-, Berater-, Sohnersatz, fand häufig Gelegenheit, meine Mittagsruhe zu stören, indem sie nach zartem Klopfen ihr Lieblingstaschenbuch "Albrecht Goes in seinen Predigten" aus ihrem eigenen, auf Löwenfüßen sich erhebenden schwarzlackierten Wohnzimmerschrank "rasch" sich "entlieh"... Als das Semester reifer wurde, las sie mir auch gern "rasch" "ein Kapitelchen" vor, eins, das sie "frieren" machte oder "lachen" oder "nachdenklich" oder "traurig" ...was es - das Kapitelchen - mir denn gäbe, war die Killerfrage und die Mittagsruhe war hin...
Der Sommer war heiß, sagte ich schon , und dennoch verkühlte ich mich - Sommergrippe! - nach einem fürchterlichen Besäufnis schrecklich.
Als mein Saufkumpan M. - ach, was soll´s. - mein Saufkumpan Matthias abends sich bei mir einfand, um mich zum "Nachdurstlöschen" abzuholen, geleitete ihn Frau P. in die Küche, wo er aufschrie: mein Kopf lugte - scheinbar abgeschlagen, jedenfalls schweißüberströmt - aus einem Holzbottich, also aus Frau P.´s Heimsauna. "Da bleibt er heute drinn!" befahl die resolute Person, während Claudia am Geschehen wenig interessiert weiter ihr Käsebrot mampfte und ihren Lindenblütentee neben meinem Kopf auf dem Saunarand deponierte - und Matthias zog unverrichteter Dinge ab.
Und als das Semester um war und meine gute Mutter in W. meinen Koffer auspackte, fand sie nicht nur das nun mir gewidmete Goes-Büchlein, sondern auch einen verknautschten Nadelstreifenzweireiher wie ihn Humphrey Bogart als Marlowe oder Sam Spade oft getragen hat.
Dies sei - konnte Mutti einem gut sichtbar angehefteten Zettelchen entnehmen - dies sei ("lieber Bernd, jetzt darf ich Dir "Du" sagen, guter Junge...") der Sonntagsanzug ihres verblichenen Gatten, den er "zuletzt"(?) noch getragen habe und den nur ich - und zwar "in Ehren" - fürderhin tragen dürfe. Meine Mutter war verstört, ...so sei sie halt, die Großstadt...und sie wolle gar nichts weiter wissen...