31 Mai 2006

Wüste und Wind

Eigentlich wollte ich ja schlussmachen mit dem Nachdenken, aber Du doofes Notizbuch verlockst mich immer wieder, meine Verärgerung über den Zustand der Welt, von der ja schon der Dichter Kleist meinte, dass der "gebrechlich" ist, immer wieder öffentlich hinauszuschreien.
Und Du kannst einfach nichts machen!

Es ist nämlich in echt noch schlimmer - gemach, gemach - der Reihe nach - halt` an Dich, aufgewühltes Herz. Ich bin Dir ja sowas von verbittert!!

Also, es ist einfach so: die Kathrin B. aus H. "rundet" sich an ihrem nächsten Geburtstag, und zwar derart, dass man nicht darüber sprechen darf.
Ich sitze so bei meinem Freunde Volker J. und gucke Fussball und gucke aber auch, wie der dauernd Sand auf ein Stück Pappe kleben will...in der Pause frage ich ihn, was das eigentlich soll, und er sagt: "Die Kathrin B. aus H. rundet sich doch, und weil sie von uns allen die Freundin ist schenken wir ihr was..."
Ich: "Ach so, aber warum klebst Du deshalb Sand auf diese vergammelte Pappe?"
Er: "Weil das ist der lustige Hinweis auf das Hauptgeschenk."
Ich: "Ach ja...aber was schenken wir denn als Hauptgeschenk?"
Er: "Eine Kreuzfahrt!"
Ich: "Find ich toll...aber eine Kreuzfahrt geht doch in einem Schiff auf dem Meer und nicht auf dem Sand!"
- Pause -
Er: "Ja, jetzt weiß ich aber auch nicht..."

Man muss sich das mal vorstellen: ein an und für sich vernünftiger Zeitgenosse, praktisch veranlangt und dem Leben zugewandt, vergisst einfach mal so, dass eine Kreuzfahrt auf dem Wasseer und nicht in der Wüste stattfindet!
Da fällt Dir doch nix mehr ein! Da dreht doch wer dran!

Und jetzt mal die Beschenkte, die denkt doch jetzt, sie muss eine Kreuzfahrt auf einem Kamel machen - die wird doch jetzt als ältere Person ganz wirr im Kopf an ihrem Geburtstag.
Es hat wirklich alles keinen Zweck mehr, es läuft alles aus dem Ruder und die Aufklärung kannste glatt vergessen.
Und er!!! Rennt in seinen Keller, kommt mit einem "blauen Sack" wieder und sagt: "Den zerrupp` ich jetzt und mach` daraus Wasser auf der Pappe."
Neeneenee!
Meine Frau ist übrigens nicht da! Die wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!

Ich mach jetzt schluss...tschüss, Tagebuch!

30 Mai 2006

Poch

Nein, ich bin kein Spökenkieker, liebes Notizbuch (ich nenne Dich jetzt so, weil in ein Tagebuch müsste ich ja jeden Tag Erlebnisse reinschreiben, jedoch ich will mehr so meditieren), aber ich bin mir sicher, dass es noch eine Welt hinter den Dingen gibt. Zu dieser hin und wieder vorzustoßen, von der so einen Zipfel mal zu ergattern auch wenn sie bedrohlich ist, das sind meine Glücksmomente, da fährt der Adrenalinspiegel Autoscooter - wie jetzt mal:

Da lese ich im "MACBETH" - und auf einmal auf der Seite 63 undsoweiter :- da klopfts dauernd! Nicht in echt natürlich, sondern das steht da immerzu. Wenn jetzt der Shakespeare, dieser Dichter, also das ganze Drumrum was da so passiert sich nur zu Tarnung ausgedacht hat und man tut das mal weg, dann steht da:
Klopfen von draußen...es klopft...poch, poch, poch...wo klopft das her?...poch, poch, poch...ah, es klopft wo...es klopft...das nenn´ ich Klopfen...poch, poch, poch...es klopft da wer...es klopft...unser(!)Klopfen...poch, poch...es klopft ...poch, poch, poch.............................

Das ist doch ganz schauerlich und das kann sich doch der Shakespeare nicht einfach so ausgedacht haben, das ist doch so eine Art Shakespeare-Code - obwohl das andere Buch kann er ja noch nicht gekannt haben - und anderenorts hat er sich ja auch mal verraten: da kommt ein toter Vater vor und sein Sohn sagt "Die Welt ist aus den Fugen..." also das kann er doch nicht einfach so sagen, wenn er nicht was weiß...der würde ja sonst nur die Leute verrückt machen!
Jedenfalls ich persönlich meine sogar: auf dieser Welt ist alles so undurchsichtig, auf der anderen aber auch!!
Darüber wird noch zu reden sein, vielleicht in dem Beitrag"Meine Enkelin-das Klavier!"
Jetzt wird mir ganz blümerant und ich muss Dich ganz schnell zuklappen - poch!

FINIS

26 Mai 2006

Kunst und Kirmes

Ich weiß nicht, ob ich Dich mit meinen Berichten über meine "Jugendsünden" langweile, liebes Tagebuch, - aber ich hatte schon in meinen frühen Jahren diesen geheimnisvollen Hang zu Spuk und Mystifikationen; als z.B. noch keine Sau was von Christopher-Haloween-Days wusste, habe ich in meiner nordhesischen Heimat schon Rüben ausgeweidet und mit Stearinkerzen illumi-nierte Horrorköpfe in fremderleuts Kinderwagen gehalten - was Dinger, was Dinger!

Na gut, also ich hab` mal auf einem Volksfest in M., wo ich als Studiosus lebte und - ich darf Dir das einfach mal freimütig sagen - mein Unwesen trieb (die Nacht, in der Reinhard Bolk - der später ein berühmte Psychater für sexuell verklemmte Menschen in Berlin wurde - und ich in der Oberstadt aus einer Auslage eines Damenkonfektionsgeschäfts Brautkränzchen entwendet haben, um uns damit bei umworbenen Kommilitoninnen liebkind zu machen, werde ich so schnell nicht vergessen!), in einer Schaubude einem Säbelschlucker auf offener Bühne den von ihm verschluckten Säbel aus dem Schlund gezogen und seine Echtheit bezeugt; technisch war das kein Problem, weil er den Griff ja nicht runtergewürgt hatte. Wegen dieses Auftritts wurde ich eine Zeit lang in einschlägigen Kreisen sehr bewundert; mich hat die ganze Sache ziemlich kalt gelassen, weil ich entprechende Erfahrungen schon als 10jähriger machen durfte und zwar in W. auf der Großen Bühne von Zuschlags Saal (ich wollte doch mal was von einer Modenschau erzählen, die für mich peinlich ausging - die war auch da drin, und der Felix Graf von Luckner hat nach dem Krieg, weil er ja keine Kampfschiffe mehr hatte, dort auch einige seiner Telefon-bücher zerrissen, wobei ich anwesend war, aber das führt jetzt ab), auf der der damals sehr, sehr berühmte Zauberer Belachini seine Zauberschau abfackelte, und ich wurde in eine Kiste gepackt, die dann verschnürt und vernagelt wurde; und als sie dann wieder von wem aus dem Publikum aufgeschnürt und entnagelt wurde, kam ich schon durch den Hintereingang rein, das ist der, wo heute die Toiletten sind (auf der für "Damen" hat meine Frau später mal ein Kreislaufproblem gehabt, ist aber egal jetzt), weil: ich war kaum in der Kiste, da wurde ich hinten schon wieder rausgezogen und bekam 5-DM (weil es gerade nach der Währungsreform war, sonst RM), weil ich drei Tage lang nachdem der Herr Belachini wieder weg war niemandem was verraten durfte - habe ich auch nicht gemacht, wenn man mal vom Heinzchen Wolf (der auch Käsebalg genannt wurde) und Thielens Wilhelm absieht; die galten aber nicht, weil wir ja Blutsbrüder waren.

Jedenfalls: mir macht in diesem Milieu keiner so leicht was vor!!

Dabei habe ich meine Erlebnisse mit Harry Hopkins, dem Krötenfresser, und die legendäre Kampfprämiehalterei in der Boxbude "Sensationen", die damals schon von Schlüter jun.I geleitet wurde und nicht mehr von seinem Vater dem Ex-Marinemeister - )Schlüter jun.I war übrigens auch sozusagen sein eigener Hauptkämpfer!)- , noch gar nicht zur Sprache gebracht!

Schluss und aus jetzt, Tagebuch, mit dem sentimentalen Geseiere - bestenfalls komme ich noch mal auf das Ereignis "Wir trinken in Gummistiefeln" zurück!

FINIS

19 Mai 2006

Der Käsebecher

Ach, mein liebes Tagebuch, meine Trösterin, wenn schon die familialen Fundamente beben, dann frage ich mich schon, wo das alles einmal enden wird...
Doch gemach und der Reihe nach!
Was Du wissen musst, Vielliebchen, den schmackhaften Streichkäse "Le tartare -Provence" gibt es jedenfalls bei Tengelmann inzwischen auch im schmucken Pappbecher - eine Zierde für jeden Frühstückstisch!
Und was Du noch wissen musst: mein Herz gehört seit meiner Jugendzeit dem alten guten Studentensang: "Studentsein, wenn die Veilchen blühen...", "Alt-Marburg, ich bin Dir so gut..." - sowas halt.
Und an "Keinen TROPFEN im Becher mehr
Und mein Beutel schlapp und leer -
Lindenwirtin, Du junge!
Angetan hat`s mir Dein Wein,
Deiner Äugelein heller Schein..." könnte ich mich satt singen - ach ja!

Und jetzt das: beim Familienfrühstück neulich musste ich leider feststellen, dass der Tartarbecher leer war und durch meine Frau - die ist da - nicht ersetzt wurde.
Aber anstatt sie zu rügen oder gar zu schelten, sang ich fröhlich mit verschmitztem Blinzeln und damit nur linde tadelnd:
"Keinen KÄSE im Becher mehr..."
"Keinen KÄSE im Becher mehr..." ( Du verstehst die kluge Anspielung!?!?)
Schon nach dem vierten oder fünften Mal unterbrach sie - also meine Frau(!) - mich rüde:
"Hör mit dem Quatsch auf - ich will jetzt in der Zeitung lesen!"
Vor dreißig/vierzig Jahren hätte sie - meine Frau - sich noch weggeschmissen vor Lachen über diesen gelungenen Scherz!
Nicht nur das: plötzlich fing mein Schwager - also ihr (meiner Frau) Bruder - der war auch da - zu Kichern an - aber nicht über meinen Humorbeitrag, sondern über den Eingriff - also Du weißt, was ich sagen will, mein geliebtes Büchlein - meiner Frau!

Da läuft doch was aus dem Ruder, da entflechten sich Netzwerke, Mannomann, wenn wir jetzt nicht Obacht geben! Wenn es schon in der Kleinfamilie nicht mehr stimmt...

Ja, liebes Tagebuch, eigentlich wollte ich die Geschichte "Wie ich einmal Corpsstudenten im Spiegelslustturm einsperrte" vorbereiten oder "Die Kröte in der Perlmuttzigarettenschachtel", vielleicht gar "Der irre Gorg und seine Mamma" ....aber mir ist, was Du einsiehst, momentan nicht danach...

Wie sehne ich mich nach einer neuen Morgenröte!!!

FINIS

18 Mai 2006

17 Mai 2006

Die Theke

Ach. liebes - hicks! - Tagebuch, es gibt jetzt auch schon alkoholfreies Weißbier! Wo soll das noch hinführen! Die, die heute sowas trinken, könnten Dir jedenfalls keine Geschichten erzählen wie die, die sich immer beim Helmut Zuschlag an der Theke abgespielt haben...Freitag für Freitag habe ich mich dort als junger Mensch mit dem Deddi W. abgefüllt. Und wenn wir uns zum Kropf-Martini-Bräu für 35 Pfennige auch noch ein paat Stichbimbulibockfortzelorum reingetan haben, dann haben wir in der Weinstube - die war hinten und dann schon leer, weil die älteren Leute schon heim sind, - Bockspringen gemacht - der Günter Näser und sein Bruder war dabei, auch schon mal der Heinrich Tüscher (der kam mit seinem Bauch aber nicht weit), der Norbert Finke natürlich und Westermanns Günter (der später dann bei der AEG war) und manchmal blieben auch Alte - der Schuh-Böttcher und der Frisör Kranz, wenn ich mich richtig erinnere; wer beim Hüpfen oder Bücken umflog, musste eine Runde geben. So streng waren die Regeln!
Deshalb hat einmal - es muss schon sehr spät am Abend gewesen sei - der Hello Liese mit dem Helmut Zuschlag eine Auseinadersetzung gehabt. Und als Worte nicht mehr halfen, hat der Hello den Helmut einfach in sein eigenes Thekenloch gesetzt, in dem eigentlich die Biergläser gespült werden. Als der Helmut deshalb laut werden wollte, hat das Ännchen einfach gesagt: "Geh´erst mal hoch und zieh´dir eine trockene Hose an, sonst erkältest du dich noch." Das hat der Helmut auch gemacht, weil er auf seine Frau immer gut gehört hat. Und als er wieder runterkam, hat er sich auch prima beruhigt und wie immer nach 1 Uhr vom Krieg erzählt und wie er es dem Russen gegeben hat. Und wenn man gut zugehört hat und ein paar Mal "Och, jo" oder sowas gesagt hat, dann hat er einem den Bierdeckel mit den Strichen abgenommen und zerrissen und gesagt, dass wir alle Kameraden sind, und Kameraden nimmt man kein Geld ab.

Leider ist dieser wertvolle Mensch schon von uns gegangen, - aber am Freitag, wenn ich heutzutage irgendwo in geselliger Runde rumsitze, dann denke ich oft: "Ach wenn man doch noch einmal den Deddi W. beim Zuschlag an der Theke träfe" - na ja: "the times, they are a`changin..."
Vielleicht erzähle ich Dir auch noch von der Modenschau vom Modehaus Fricke - aber da sehe ich nicht so gut aus!

FINIS

14 Mai 2006

Du liebes Reisetagebuch, Du, Du machst mir große , große Sorgen, rufst nie: "Schreib mich...", "Schreib mich..."
Nun denn: Mariatrost war über 196, von PilgerInnen zerfurchter und zerbeteter Stufen zu erreichen. Das will noch nichts heißen.. aber oben war eine Tafel und auf der stand zu lesen
"Die Hand des Engels
weist den Weg
in die Herzmitte der Welt."
Ich war wie vom Donner gerührt, mir standen die Haare zu Berge, der Puls raste...und inzwischen, liebes Reisetagebuch, habe ich Deiner Säumnisse wegen vergessen, warum...
Ist auch egal jetzt (schreibt man eigentlich "zu Berge" so?)

Jedenfalls - genau - : mir fiel plötzlich das alte Riesengebirgslied ein, dass meine Mutter - eine ehrbare Flüchtlingsfrau - mir sang.
Vor allem, wenn mir bänglich zumute war , glaube ich, es kann aber auch bei Heimat- vertriebenentreffen gewesen sein, wenn ich das gelbe Wappen mit dem schwarzen schlesischen Adler vorneweg trug; dann sangen das Lied aber alle, weil sie damals noch Heimweh hatten.

Warum erzähle ich Dir das jetzt? Ach so: weil ich Teile, die ich noch kann, dem Vergessen zu entreißen mich verpflichtet fühle:
"Blaue Berge, grüne Täler,
Mittendrin ein Häuslein klein
Herrlich ist die Stücklein Erde,
Denn ich bin ja dort daheim!
Als ich eins ins Land gezogen
Ham die Berg mir nachgesehn
Und die Kindheit und die Jugend
Wusste nicht, wie mir geschehn!!

Du mein schöhönes Riiiesengebirge,
Wo die Oder so trauhaulich rinnt,
Wo der Rübezahl mit seinen Zwergen
Heute noch Saaaaagen und Mähärche spinnt...

Riesengebirge, deutsches Gebirge,
Du, meine liehiebe Heimat, Du..."

Und dann noch der vielleicht nützliche Hinweis, dass die Heilige Maria schon immer die Patronin Schlesiens war, aber dass der Hammerwallfahrtsort dort der "Annaberg" ist, wobei man wissen muss, dass die Heilige Anna halt nur die Mutter der Gottemutter war...

Ja, das war wirklich eine ertragreiche Reise, liebes Reisetagebuch - zack: jetzt klappe ich Dich zu!

FINIS